Starke Gefühle! Wie gehe ich mit der Wut meiner Kinder um?

Starke Gefühle! Wie gehe ich mit der Wut meiner Kinder um?

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Kennt ihr das? Euer Kind bekommt Hunger, merkt es nicht und wird plötzlich maulig, unleidlig oder sogar aggressiv? Unser K. (6J.) ist ein Kind mit diesem besonderen Verhältnis zu seinem Hungergefühl. Tausend andere Dinge sind so wichtig und spannend, dass er einfach nicht spürt, wann er Hunger bekommt. Wir merken es dann spätestens, wenn er anfängt seine Schwestern immer wieder zu piesacken. Da wird mal da gekniffen, mal dort geschubst oder einfach viel zu fest umarmt. Das Blöde ist nur, dass wir als Eltern an dieser Stelle bereits zu spät sind, um das Ganze noch ganz entspannt regeln zu können. Reagieren wir hier genervt und mit Vorwürfen steigert sich seine Laune in heftiges Schreien und Wüten bis hin zum durch-die-Gegend-schmeißen von Gegenständen.

Hier hilft nur noch, ihn so sanft wie möglich aus der Situation zu nehmen, also irgendwo hin zu gehen, wo man mit ihm allein sein kann. Er ist dann oft schon so in Rage, dass ich ihn wegtragen muss. Ich bin damit nicht glücklich, hab aber irgendwie noch keinen anderen Weg gefunden. Bleibt er zwischen seinen Geschwistern oder anderen Leuten, kriegen wir das gar nicht richtig in den Griff und er geht seine Geschwister zum Teil massiv an.

Ist er mit mir allein dauert es aber auch noch eine gefühlte Ewigkeit, bis wir zu einer Lösung kommen. Das Problem ist, dass es nicht reicht, ihm einfach etwas zu Essen zu geben. Wenn er in diesen Hungerzustand kommt, weiß er nicht, was er braucht. Er lehnt erst mal alles ab, was ich ihm anbiete. Mit viel Geduld und Nachfragen muss er dahin kommen, dass er sagen kann, was er braucht. Hat er das geschafft, ist alles wieder gut. Ich gebe ihm das Essen, was er gern essen möchte und er entspannt sich zusehends. Nur diese Geduld aufzubringen ist leider nicht immer leicht. Vor Allem wenn ich mich auch um die anderen beiden (der 4. Ist zum Glück schon so groß, dass er mich nicht mehr so akut braucht) kümmern muss und keine Unterstützung in der Nähe ist.

Letzte Woche hatte ich ein tolles, sehr inspirierendes Schlüsselerlebnis zum Thema „starke Gefühle begleiten“. Wir waren bei Freunden zu Besuch. Der jüngere Sohn der Familie, Timon ist ähnlich wie unser K. Er hat sehr stark ausgeprägte Gefühle und äußert vor Allem Frust auch sehr heftig mit lautem Schreien und Wutanfällen. Wie seine Mutter Annelie damit umging, war einfach toll anzusehen. Sie nahm ihn ganz ruhig zu sich, streichelte ihn und ließ ihn einfach wütend und frustriert sein. Es dauerte keine 5 Minuten, da war er wieder entspannt und ging wieder spielen. Ich habe mich lange mit Annelie unterhalten. Sie sagte, wenn sie sich voll drauf einlassen kann, geht der Frust bei Timon schnell vorbei und alles ist wieder gut. Wenn sie aber genervt ist und das eigentlich grad gar nicht mag, dann dreht Timon richtig auf, wird richtig wütend und auch aggressiv. Dann dauert es ewig, bis alles wieder entspannt läuft. Das deckt sich sehr mit meinen eigenen Beobachtungen mit unserem Sohn.

Und just an diesem Abend hatten wir wieder eine „spezielle Situation“ mit K. Mein Mann hatte mich abends von einer Weiterbildung abgeholt. K. Ist währenddessen im Kinderzimmer unserer Freunde im Hängesessel eingeschlafen. Mein Mann trug ihn dann hoch in unser Schlafzimmer. K. Wurde halbwach und fing an zu weinen und zu schreien. Er war aber nicht ansprechbar. Da er sich immer wieder in den Schritt fasste, habe ich ihn aufs Klo gebracht. Dort saß er dann und weinte und schrie und wimmerte und war immer noch nicht ansprechbar. Auf ihn einreden half gar nichts,  sauer werden natürlich auch nicht. Dann erinnerte ich mich an die Situation mit Annelie und Timon. Ich blieb einfach nur neben ihm. Angefasst werden wollte er nicht. Nach kurzer Zeit wurde er schon ruhiger, aber anfassen oder ansprechen endete nur in erneutem Schreien. Ich hielt ihm also einfach nur meine Hand hin. Erst stieß er sie weg, aber so nach und nach kamen erst seine Finger, dann die ganze Hand und nach ein paar Minuten drückte er beide Hände in meine und ließ sie streicheln. Er wurde ganz ruhig, schien sogar auf dem Klo einzuschlafen. Als er völlig entspannt war, sprach ich ihn wieder an und fragte, ob ich ihn ins Bett bringen kann. Er öffnete die Augen und antwortete mir ganz normal. Er war wieder ansprechbar! Ich brachte ihn ins Bett, wo er entspannt wieder einschlief. Da hat es bei mir Klick gemacht. Er braucht einfach jemanden, der bei ihm ist und mit ihm seine Gefühle aushält. Es kann so einfach sein! Leider ist es das trotzdem nicht immer. Ich bin leider nicht immer in der Verfassung so viel Geduld aufzubringen, aber ich arbeite daran.

Viele Eltern reagieren genervt und mit Druck. „Man darf diese Wutausbrüche nicht hinnehmen!“ „Der tanzt euch doch auf der Nase rum!“ Dass hört man oft von Außenstehenden. Einige Eltern fühlen sich in solchen Situationen (unbewusst) angegriffen und reagieren dann ebenfalls aggressiv auf die Wut des Kindes. Annelie sieht die Ursache dafür in der eigenen Erziehung. In der eigenen Kindheit dieser Eltern sind Verletzungen entstanden, die tief im Unterbewusstsein abgespeichert sind und nun beim Umgang mit den eigenen Kindern in diesen Wutsituationen diese alten Muster provozieren.

Bei meinem Mann ist das so, dass ihn die Wut von K. so antriggert. Er hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, rauszukriegen, warum das bei ihm so ist. Er hat den Verdacht, dass er als Kind genauso war und diese Gefühle aber massiv unterdrückt wurden von seinem Umfeld. Es bei seinem Sohn jetzt anders und bedürfnisorientiert zu machen, ist also auch gleichzeitig für ihn eine Heilung seiner verletzten Kinderseele.

Die eigenen Muster zu ändern geht leider nicht von heut auf morgen. Sie sitzen tief und erst einmal muss man sich dieser Muster bewusst werden. Dann kann man Schritt für Schritt schauen, was unser Kind und wir selbst eigentlich brauchen. Wutausbrüche sind keine Sache, die Kinder tun, um Erwachsene zu ärgern oder zu provozieren. Es sind authentische Gefühle, die in diesem Moment sehr stark wirken. Bei dem einen wirken sie eben stärker als bei anderen. Durch Druck von außen, bekommen die Kinder die Botschaft, dass ihre eigenen Gefühle nicht richtig sind. Ist der Druck sehr groß, lernen sie mit der Zeit diese Gefühle zu unterdrücken. Letztendlich lernen sie, sich selbst nicht mehr zu spüren und die eigenen Gefühle nicht mehr erst zu nehmen. Ist es das, was wir für unsere Kinder wollen?

Ich jedenfalls nicht. Ich möchte, dass meine Kinder ihren Gefühlen und ihrem Körper vertrauen und auf ihre Bedürfnisse hören und sie auch kommunizieren können. Gerade letzteres ist ein Lernprozess, der unsere wertschätzende Unterstützung als Eltern erfordert.

Wie seht ihr das? Habt ihr Kinder mit ähnlich starken Gefühlen? Wie geht ihr damit um?

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